S.Heimann/Helmholtz42

Ev. Kirchengemeinde Friedberg - Ockstadt

Die Evangelische Kirchengemeinde Friedberg war bis zum 30. September 2020 eine eigenständige Kirchengemeinde. Danach gehörte sie, aufgrund der Neuausrichtung der Kirchengemeinden, zum Nachbarschaftsraum Friedberg. 

Friedberg Ockstadt hatte nie eine eigene evangelische Kirchengemeinde. Ockstadt war immer mit den Christen in Friedberg verbunden und in die Evangelische Kirchengemeinde Friedberg integriert.


Die Kirchengemeinde Friedberg blickt auf eine lange Tradition zurück. Als die Stadt gegen Ende des 12. Jahrhunderts gegründet wurde, bauten sich die Bewohner eine romanische Basilika seitab ihrer breiten Marktstraße. Bereits hundert Jahre später wurde dieser Bau als zu klein und nicht mehr zeitgemäß empfunden und durch eine mächtige gotische Hallenkirche nach dem Vorbild der Elisabethkirche in Marburg ersetzt, unsere heutige Stadtkirche. Der romanische Ziborienaltar vor dem Lettner und die Löwenfüße unter dem Taufstein im nördlichen Querschiff sind Zeugnisse aus dem Vorgängerbau. Die Anwesenheit Bischof Siegfrieds von Chur und König Albrechts I. zur Chorweihe 1306 unterstreicht die Bedeutung, die das Gemeinwesen damals schon hatte. An der Kirche wurde dann noch über hundert Jahre weitergebaut, bis die Burg Friedberg 1410 einen Baustopp beim deutschen König erwirkte, weil sie sich militärisch bedroht sah. Die Vollendung der Westfassade mit zwei Türmen musste unterbleiben. Die selbstbewusste Bürgerschaft hat sich damals am Modernsten orientiert, was es gab, der französischen Kathedralgotik. Durch die weite Pfeilerstellung und das eigene Proportionsgesetz entstand eine harmonische Raumwirkung. 

Die Kirche birgt bedeutende sakrale Kunstwerke, das Brautportal, die Lettnermadonna, das spätgotische Sakramentshaus und drei mittelalterliche Buntglasfenster im Chor. .

Die Reformation verlief in Friedberg recht zögerlich. Ob Luthers Übernachtung auf dem Rückweg vom Wormser Reichstag am 28. April 1521 im Haus „Zum Grünberg“ Kaiserstraße 32 schon Auswirkungen in der hiesigen Religionsfrage gezeigt hat, ist nicht belegt. Kritik an der Geistlichkeit war verbreitet und es gab auch soziale Unruhen und im Zuge der Bauernerhebung einen bewaffneten Aufstand gegen die Adligen in der Burg. Dieser wurde aber niedergeschlagen.

Als Folge davon musste die Stadt die Katharinenkapelle, die quer auf der Kaiserstraße stand, abreißen. Der Rat der Stadt steuerte kaisertreu gegen alle Reformversuche. Das Patronatsrecht lag für die Liebfrauenkirche beim Bingener Kloster Rupertsberg, und von dort wurden keine reformwilligen Prediger in Friedberg angestellt. Trotzdem predigte Pfarrer Haber 1529 als erster nach der lutherischen Lehre. Daraufhin wurde er abgesetzt, predigte aber in Ober-Rosbach weiter und die Friedberger wanderten sonntags in Scharen zu ihm, um seine Predigt nach der neuen Lehre zu hören. Offiziell blieb in der Reichstadt und der kaiserlichen Burg alles beim Alten, obwohl die Klöster bereits leer standen. Die Barfüßer klagten, dass ihnen „der lutherischen sache halben“ die Spenden ausgingen. Kaiser Karl V. zeigte sich für die konservative Haltung der Friedberger Obrigkeiten erkenntlich und verlieh 1541 der Burg das Münzrecht mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass die Burgmannen „dem wahren christlichen Glauben angehangen und die Burg dabei belassen“ hätten. Der Rat mahnte die Pfarrer, sich Schmähreden gegen Papst und Bischöfe zu enthalten, „damit dadurch der Stadt nicht etwa eine Ungelegenheit zugezogen werden möchte“.

Erst als im Passauer Vertrag 1552 die evangelische Lehre reichsrechtlich anerkannt wurde, konnte der Wechsel erfolgen, der in der Bevölkerung und auch der Pfarrerschaft längst vollzogen war.

Johann Stumpf erhielt als Pfarrer den Auftrag, „seine Predigten Inhalts der Augsburgischen Konfession zu verrichten“. Das Kloster Rupertsberg wurde abgefunden, das Patronatsrecht erlosch.

1569 erließen Burg und Stadt die erste evangelische Kirchenordnung. Aus der „Kirche Unserer Lieben Frau“ wurde die Stadtkirche.

Und weil das in Friedberg alles so zögerlich und sanft verlief, gab es hier auch keinen Bildersturm, der alles Katholische weggefegt hätte. Luther lehnte die Verehrung der Bilder ab, nicht aber ihren Gebrauch zu didaktischen Zwecken, wie z. B. auf den 10 Gebote Tafeln an der Rückwand des Chorgestühls in der Stadtkirche. Auch der Lettner zwischen dem Chor der Geistlichen und dem Langhaus der weltlichen Gemeinde blieb erhalten und diente im evangelischen Gottesdienst hinfort als Sängertribühne für die Lateinschüler. Die Reformation räumte die Kirche nicht aus, sondern eher ein durch die Sitzgarnituren, die wegen der überlangen Predigten modern geworden waren. Es gab eine ständisch gegliederte Ausstattung an Kirchenstühlen, teils sehr feudal ausgestattet für die Patrizier und Ratsherren. Sie waren auf die Kanzel hin ausgerichtet, nicht auf den Altar. Nur ganz hinten gab es Bänke für die Armen, die sich keinen solchen Kirchenstuhl leisten konnten. Diese volle Kirche hatte nichts von der klaren Raumwirkung, die wir heute als so wertvoll empfinden.

Erst das 19. Jahrhundert hat empfindliche Lücken in diesen Bestand geschlagen. Als 1842 in Friedberg das Wetterauer Sängerfest stattfand, brauchte man einen großen Raum. Und hierfür wurde die Kirche ausgeräumt und manches verkauft. Der Große Friedberger Altar aus dem späten 14. Jahrhundert gelangte an das Landesmuseum in Darmstadt, wo er hervorragend restauriert bis heute zu bewundern ist.

Seit der umfassenden Renovierung 1843-47 gibt ein Mittelgang zwischen den Bankreihen den Blick auf den Altar frei. Die Kanzel befand sich in der Mitte an einem Pfeiler auf der Nordseite.

Die festen Bankreihen wurden 1962 durch die heutige Bestuhlung abgelöst und die Kanzel in Altarnähe gerückt. Im Zuge dieser Renovierung verschwand auch der barocke Orgelprospekt der Meyer Orgel aus dem 18. Jahrhundert. Ihre Vorgängerin aus dem Jahre 1421 stand auf einem Anbau an der Nordwand der Kirche. Die Orgel erhielt einen neogotischen Prospekt. Sie wurde sehr hoch gestellt und verdeckte total das Westfenster. 1962 wurde die heutige Orgelempore wieder tiefer gelegt, um das Crodelfenster mit der Wurzel Jesse sichtbar zu machen. 2025 wurde die bis dahin immer noch barock klingende Orgel erweitert. Die neuen romantischen Register stehen seitwärts auf den Westemporen und verhelfen dem Instrument zu einem voluminösen Klang für die Interpretation romantischer Orgelliteratur.

Während des gesamten 19. Jahrhunderts waren Bauschäden an der Kirche beklagt worden, die schließlich so gravierend waren, dass der Einsturz des Querhauses zu befürchten war. Um 1900 war eine umfassende Renovierung erforderlich. Chor und Querhaus wurden abgerissen und neu gebaut. Die Ausstattung mit bunten Glasfenstern wurde mit einem Bildprogramm von Alexander Linnemann vervollständigt. Nach der Beseitigung der Kriegsschäden durch neue Fenster von Charles Crodel wurden gegen Ende des 20. Jahrhunderts dann noch die letzten drei Fenster durch Arbeiten von Blasius Spreng, Gottfried von Stockhausen und Helmut Lander ergänzt, so dass die Kirche heute über eine Buntfensterverglasung aus sieben Jahrhunderten verfügt. Als 1996 eine umfassende Steinsanierung notwendig wurde, gründete sich der Förderverein Stadtkirche, der sich jetzt um die Belange der Kirche kümmert und vor allem ihre Öffnung für Besucher organisiert. 2006 organisierte er ein Fest zum 700 jährigen Jubiläum der Chorweihe von 1306.

Das zweite Schmuckstück ist unsere Burgkirche, eine klassizistische Predigtkirche aus dem Ende des Alten Reiches, konzipiert durch die Burggrafschaft, aber erst vollendet, als Friedberg bereits hessisch geworden war. Die mittelalterliche St. Georgskirche stand schräg gegenüber. Ihr Taufstein sowie die Grabplatte Johann Brendels von Homburg stehen im Wetterau-Museum, ihr Altarkreuz ist in der Burgkirche noch in Gebrauch, ebenso wie ihre Glocken. Durch die Französische Revolution und die napoleonischen Kriege verzögerten sich die Baumaßnahmen so lange, bis die Burg ihre politische Existenz durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 verloren hatte. Die Weihe 1808 erfolgte schon unter großherzoglich Darmstädter Oberhoheit, als die Kirche eigentlich nicht mehr gebraucht wurde. Sie ist aber ein bemerkenswertes Zeugnis einer Umbruchszeit, zu der in Deutschland keine Kirchen gebaut wurden, eine klassizistische protestantische Predigtkirche mit der Prinzipalanordnung Altar, Kanzel, Orgel. Sie hat seitdem einige Renovierungen erlebt, ihr Grundcharakter hat sich aber nicht verändert. 1947 wurde hier die EKHN gegründet und Martin Niemöller zum ersten Kirchenpräsidenten gewählt.

Nachdem 1834 der letzte Burgkirchenpfarrer gestorben war, wurden Burg- und Stadtkirchengemeinde zusammengelegt. 1906 wurde die Gemeinde in zwei Bezirke aufgeteilt und die Burgkirche erhielt wieder einen eigenen Pfarrer. Heute dient sie von Neujahr bis Palmsonntag als Winterkirche. Sie ist beliebt als Trauungskirche, wird für Konzerte benutzt und in der Passionszeit für die Begegnung mit zeitgenössischer Kunst bei der Aktion „Sichtweisen“. 2024 erhielt sie mit Altar, Ambo und Taufstele drei neue Prinzipalstücke, die künstlerisch aus einem Guss sind.

Neben diesem Kirchenbau gibt es noch ein Erbe aus der Zeit der Ritter in der Friedberger Gemeinde, die v. Schrautenbachsche Stiftung aus dem Jahr 1732, gegründet von Wilhelmine von Schrautenbach, Gattin des Burgmannen Carl Ernst von Schrautenbach, zur Unterstützung bedürftiger Kinder im Bereich der Burggrafschaft Friedberg. Mit dem Erlös aus den Pachterträgen der Liegenschaften der Stiftung unterstützt die Gemeinde bis heute die Konfirmandenarbeit.

Im Zuge der Gebäudereduktion mussten wir uns nach der Fertigstellung des neuen Kindergartens Kaiserstraße von unserem schönen Gemeindehaus, der Villa mit großem Park, trennen. Das Haus war 1927 für die Konfirmanden- und Jugendarbeit, für Bibelstunden und Kreise sowie für Sitzungen des Kirchenvorstandes gekauft worden. Im Park fanden schöne Gemeindefeste und Feierlichkeiten der Kantorei statt. Im Haus gab es auch das erste Gemeindebüro für alle Pfarrbezirke. Das bekam nach dem Verkauf eine Interimslösung, allerdings mit prächtigem Fernblick, im Hochhaus über der Wetterau Apotheke, bis das neue Gemeindehaus 12 Quadrat an Stelle des alten Kindergartens fertiggestellt war. Heute ist es für alle Kirchorte der Friedensgemeinde Friedberg zuständig.

Ein Aushängeschild der Friedberger Gemeinde ist die Dekanatskantorei. 1925 wurde ein

Kirchenchor gegründet, der unter Kantor Werner Jahr seit den 50er Jahren als Friedberger- und Oberhessische Kantorei an künstlerischer Bedeutung gewann. Heute steht Kantor Ulrich Seeger für die Friedberger Kirchenmusik mit bedeutenden kirchenmusikalischen Aktivitäten, nicht zuletzt mit der Kinder- und Jugendkantorei, die mit Kinderopern in der Burgkirche auftritt.

Zur Kirchengemeinde gehört ein Kindergarten, dessen Träger das Dekanat Wetterau ist, und der im Garten des Gemeindehauses einen Neubau erhielt. Von dem zweiten Kindergarten musste sie sich trennen, als das Gemeindezentrum West, der bekannte Wellenbau, in der Wintersteinstraße verkauft wurde. Dieses

Gemeindezentrum war im Zuge der Friedberger Stadterweiterung nach Westen gebaut worden und diente als Gottesdienstort für den Westbezirk, von dessen Pfarrern auch die Evangelischen in Ockstadt versorgt wurden.

In Ockstadt hatten die Freiherrn von Franckenstein dafür gesorgt, dass die Reformation nicht Fuß fassen konnte. Hier gab es bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts kaum evangelische Christen und diese mussten nach Friedberg zum Gottesdienst gehen. 1983 erhielt Ockstadt eine eigene Pfarrvikarstelle. Gottesdienste fanden vorher schon monatlich an Behelfsorten statt. Seit 1990 gestattet die katholische Kirchengemeinde vertraglich der Ev. Gemeinde, die St. Jakobuskirche mitzubenutzen. Nach dem Weggang von Pfarrerin Grohmann wurde die Pfarrstelle nicht mehr besetzt.

Hans Wolf -  Januar 2026

Taufstein
Lettnermadonna
Silke Heimann
Sakramentshaus
Thomas Köhler
10 Gebote Tafeln
ThKoehler
ThKoehler
Burgkirche
EVKGMFB
Claudia Ginkel
Kindertagesstätte Kaiserstraße
Seibert